St-Pauli Legende


Wenn wir von einer St.Pauli- Legende sprechen, die die damalige Zeit mit der heutigen verbindet, dann ist es Carsten Marek. Ich kann mich noch sehr gut erinnen, zu der großen Zeit der Gangkultur, als alle meine Freunde ins Milieu gegangen sind, dass sie in seinem Karatestudio „Bushido“ in Dulsberg angefangen haben zu trainieren, um sich seiner Gruppe anzuschließen.

Carsten war derjenige, der eine richtige Struktur aufgebaut hat, bei der Alkohol und Drogen verboten waren. Wer dreimal dagegen verstieß, der flog raus. Das war genau nach meinem Geschmack. Als Sportler war ich immer gegen Drogen und übermäßigen Alkoholgenuß.
Carsten fing Mitte der 70er Jahre im „Nippon“ in der Gilbertstrasse mit Kampfsport an. Das war der Club, in dem die Karate-Legende Shihan Geert Lemmens unterrichtete. Wie auch ich damals, so war auch Carsten ein großer Bruce Lee Fan. Beim Training sagte man ihm eine große Karriere voraus, sein Sidekick war legendär. Er wurde sogar mal Kickboxweltmeister.
Im „Nippon“ knüpfte Carsten, der damals Klempner-Lehrling war, auch erste Kontakte ins Milieu. Sportliche Männer waren immer gefragt auf dem Kiez. Er bekam das Angebot,  als Wirtschafter im Eros-Center zu arbeiten.

Das war natürlich deutlich interessanter, als verstopfte Rohre zu reinigen oder Klos einzubauen. Als Klempnerlehrling musste Carsten öfters Aufträge auf dem Kiez ausführen. Da wurde ihm schnell klar, wieviel Geld da im Umlauf war. Wenn man damals dort einen Klokasten abreißen musste, fand man dahinter nicht selten ordentlich Kohle, da die Huren dort häufig heimlich das Geld bunkerten.

Als die Verteilungskämpfe in den Achtigern auf dem Kiez anfingen, wurde Marek in kurzer Zeit die Institution für Ruhe und Ordnung. Nach den Anschlägen durch Mucki Pinzner, den Kiezkiller, hatten alle Angst und wollten eigentlich nur noch verschwinden. Carsten bekam das Angebot, das P1 im Eroscenter zu übernehmen. Zum Überlegen wurden ihm genau zehn Minuten eingeräumt. Er sagte zu. So wurde er vom Wirtschafter zum Puffbesitzer.
Am Ende gab es 80 Männer, die für ihn arbeiteten, die „Hamburger Jungs“, und fast 200 Frauen sollen für die Organisation rangeschafft haben. Bekannt wurden er und seine Leute auch als die Marek-Bande.

Als Carsten 2006 mal vor Gericht stand, demonstrierten kurz vor Prozeßbeginn mehr als 60 Prostituierte für seine Freilassung. Auf ihren Bannern stand: „Lust und Liebe sind frei. Wir brauchen kein Gericht dabei.“ Wir haben das damals abgefeiert!

Bis heute ist er für mich so ziemlich der Einzige, der immer noch einen Namen hat. Als Hanne Kleine gestorben ist und seine Witwe bedroht wurde, hat Carsten sich eingeschaltet und den Laden, die Ritze, übernommen. Damit bleibt ein Stück St.Pauli Geschichte in der Hand von richtigen Hamburger Jungs.


Der aktuellen Entwicklung auf dem Kiez steht Carsten kritisch gegenüber. Ebenso wie ich, ist auch er gegen die Kiosk-Überflutung und das Ausschenken von Billigalkohol, den Touristen-massen, die hier wöchentlich durchgeschleust werden, kann er ebenfalls nichts abgewinnen. Seiner Meinung nach war der Kiez früher als Amüsiermeile sicherer und niveauvoller. Es gibt immer weniger Platz für das Rotlicht.

Einmal wurde sein Mercedes gestohlen, als ich das damals in der Zeitung gelesen habe, dachte ich, wo will der Dieb sich denn verstecken, der Arme? Aber der Wagen tauchte schnell wieder auf. Ich kann mich nicht erinnern, ob er den Mercedes freiwillig rausgerückt hat oder nicht. Für mich ist Marek auf jeden Fall einer der Letzten seiner Art.

Heute ist Carsten Chef des Großbordells Babylon in Hamburg-Hamm.


Michel Ruge

Michel Ruge führte das Interview und zeichnet für den Artikeltext verantwortlich. Das Ritze-Team dankt.

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